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Hängende Gärten von Babylon: Legende, Quellen und Forschung

Als Hängende Gärten von Babylon gilt eines der sieben Weltwunder der Antike: eine terrassierte, künstlich bewässerte Gartenanlage, die König Nebukadnezar II. um 600 v. Chr. errichtet haben soll. Bewiesen ist ihre Existenz bis heute nicht. Babylonische Inschriften erwähnen sie nicht, Ausgräber fanden keine eindeutigen Reste, und eine Oxforder Forscherin verlegt sie sogar ins assyrische Ninive.

Was wir über die Gärten wissen, stammt fast ausschließlich aus griechischen und römischen Texten, die Jahrhunderte später entstanden. Wer diese Berichte nebeneinanderlegt, sieht schnell, wie viel daran Überlieferung und wie wenig gesichert ist.

✅ Das Wichtigste in Kürze

  • Die ältesten Nachrichten gehen auf den babylonischen Priester Berossos zurück, dessen Werk nur in Zitaten bei Flavius Josephus erhalten ist.
  • Nur diese Tradition nennt Nebukadnezar II. als Bauherrn; Diodor und Curtius Rufus sprechen von einem „syrischen König“.
  • Nebukadnezars eigene Bauinschriften und der Babylon-Bericht Herodots erwähnen keinen solchen Garten.
  • Robert Koldeweys Gewölbebau im Südpalast gilt heute meist als Speicherbau, nicht als Gartenfundament.
  • Die Ruinen von Babylon im heutigen Irak stehen seit 2019 auf der UNESCO-Welterbeliste.

Was antike Autoren über die Gärten berichten

Kein Augenzeugenbericht aus babylonischer Zeit ist erhalten. Alles, was wir lesen können, ist Literatur aus zweiter oder dritter Hand, und die Autoren schrieben teils voneinander ab. Das macht die Quellenlage heikel. Übereinstimmungen beweisen deshalb wenig.

Berossos, überliefert bei Josephus

Der babylonische Marduk-Priester Berossos verfasste um 290 v. Chr. eine Geschichte seines Landes auf Griechisch. Das Werk ist verloren. Der jüdische Historiker Flavius Josephus zitiert im 1. Jahrhundert n. Chr. eine Passage daraus: Nebukadnezar habe in seinem Palast hohe, von Steinpfeilern getragene Mauern errichten und darauf einen „hängenden Paradiesgarten“ mit Bäumen aller Art anlegen lassen, sodass der Anblick einer Berglandschaft glich. Damit habe er seiner Gemahlin gefallen wollen, die in Medien aufgewachsen war.

Diodor und Curtius Rufus

Am ausführlichsten ist Diodor von Sizilien, der im 1. Jahrhundert v. Chr. schrieb und ältere Alexander-Historiker auswertete. In seiner Bibliothek der Geschichte (Buch 2, Kapitel 10) widerspricht er der Zuschreibung an die sagenhafte Königin Semiramis. Gebaut habe den Garten ein späterer „syrischer König“ für eine Nebenfrau persischer Herkunft, die die Wiesen ihrer Heimat vermisste.

Diodor nennt viele technische Details. Jede Seite habe vier Plethren gemessen, also gut 120 Meter. Die Terrassen stiegen wie in einem Theater an, die oberste Galerie sei 50 Ellen hoch gewesen. Auf steinernen Deckbalken lagen nach seiner Beschreibung Schilf in Asphalt, zwei Lagen gebrannter Ziegel und eine Bleischicht gegen Feuchtigkeit, darüber genug Erde für große Bäume. Maschinen in einer der Galerien hätten Wasser aus dem Fluss nach oben gepumpt, für Außenstehende unsichtbar. Der Römer Curtius Rufus schöpfte vermutlich aus denselben Vorlagen und erzählt eine ähnliche Geschichte.

Strabon und Philon

Der Geograph Strabon beschreibt um die Zeitenwende in seiner Geographie (Buch 16, Kapitel 1, Abschnitt 5) einen viereckigen Garten auf Gewölben und würfelförmigen Pfeilern aus gebranntem Ziegel und Asphalt. Neben der Treppe zu den oberen Terrassen standen nach seinem Text Hebewerke, im griechischen Original Schrauben, mit denen eigens dafür eingeteilte Arbeiter ständig Wasser aus dem Euphrat hinaufbeförderten.

Dazu kommt ein kleines Handbuch der sieben Weltwunder, das einem Philon von Byzanz zugeschrieben wird. Wann es entstand, ist umstritten. Manche datieren es ins 3. Jahrhundert v. Chr., andere halten es für ein Werk der Spätantike. Philon lobt vor allem die ungeheure Erdmasse hoch über dem Boden und schildert die Wasserhebung ähnlich wie Strabon.

Nebukadnezar II. und die Geschichte von Amytis

Nebukadnezar II. regierte von 605 bis 562 v. Chr. und machte Babylon zur prachtvollsten Stadt des Vorderen Orients. Das Ischtar-Tor, die Prozessionsstraße und der gewaltige Stufentempel Etemenanki gehen auf ihn oder seinen Vater zurück.

Die romantische Erklärung für die Gärten verbindet ihn mit einer medischen Prinzessin. Spätere Darstellungen nennen sie Amytis. Sie habe sich in der flachen, heißen Ebene nach den Bergen ihrer Heimat gesehnt, und der König habe ihr deshalb einen künstlichen Berg mit Bäumen bauen lassen. Bei Berossos selbst steht nur, die Königin sei in Medien aufgewachsen. Eine Heirat mit einer Medierin wäre politisch plausibel, denn Babylonier und Meder hatten 612 v. Chr. gemeinsam das assyrische Ninive erobert. Belegt ist eine solche Ehefrau in babylonischen Texten allerdings nicht.

Warum Babylon selbst schweigt

Nebukadnezar ließ Dutzende Bauinschriften anfertigen und zählte darin Mauern, Tore, Tempel und Paläste penibel auf. Ein Garten auf Terrassen kommt nicht vor. National Geographic fasst den Forschungsstand so zusammen: Die erhaltenen Texte seiner Regierungszeit erwähnen erhöhte Gärten überhaupt nicht, und Herodot übergeht sie in seiner Beschreibung Babylons im 5. Jahrhundert v. Chr. ebenfalls.

Ein Schweigen Herodots ist allerdings kein Beweis. Er beschreibt Babylon teils ungenau, und ob er die Stadt selbst gesehen hat, wird bezweifelt.

Koldeweys Gewölbebau

Die Deutsche Orient-Gesellschaft grub Babylon zwischen 1899 und 1917 unter Leitung von Robert Koldewey aus. Im Nordosten des sogenannten Südpalastes stieß er auf einen ungewöhnlichen Bau aus 14 überwölbten Kammern mit einer Brunnenanlage. Gewölbe aus gebranntem Ziegel und Brunnen: Das passte gut zu Diodors Beschreibung, und Koldewey deutete den Komplex als Unterbau der Gärten. Überzeugt war er davon selbst nicht vollständig.

Spätere Forscher sahen das kritisch. Seine Grundmauern messen nur zwischen 23 und 35 Metern pro Seite, weit weniger als die von Diodor genannten Maße. Heute halten die meisten Fachleute ihn für einen Speicherbau. Andere Lokalisierungen am Westrand der Südburg oder beim Nordpalast blieben ebenfalls Vermutung. Ein Teil der damaligen Stadt liegt zudem unter dem heutigen Euphratbett und ist nicht erforscht.

Ruinen von Lehmziegelmauern in Babylon im heutigen Irak
Die Ruinen von Babylon nahe Hilla: Lehmziegelmauern statt Gärten.

Stephanie Dalleys Ninive-These

Die Assyriologin Stephanie Dalley von der Universität Oxford vertritt seit den 1990er-Jahren eine andere Lösung. Die Anlage, die wir als Hängende Gärten von Babylon kennen, sei nicht dort, sondern rund hundert Jahre früher in Ninive am Tigris entstanden, angelegt vom assyrischen König Sanherib (regierte 705 bis 681 v. Chr.) an seinem Palast. Ausführlich legte sie das 2013 in ihrem Buch „The Mystery of the Hanging Garden of Babylon“ dar.

Ihre Argumente im Kern:

  • Sanherib beschreibt seine Gartenanlage in Inschriften selbst und nennt sie ein Wunder für alle Völker.
  • Er schildert darin, wie er Bronze gießen ließ, um Wasser mit Schrauben in den Garten zu heben. Dalley liest die Stelle als frühe Wasserschraube.
  • Ein Kanalsystem brachte Wasser aus den Bergen nach Ninive, darunter das steinerne Aquädukt von Jerwan, dessen Reste im Nordirak erhalten sind.
  • Ein Wandrelief aus dem Palast seines Enkels Assurbanipal zeigt einen bewaldeten Hang mit Kanälen und Aquädukt.
  • Der Name „Babylon“ sei in der Überlieferung auf Ninive übertragen worden, und griechische Autoren verwechselten Assyrien und Babylonien ohnehin häufig.

Die These ist gut begründet, in der Fachwelt aber nicht allgemein akzeptiert. Andere Forscher, etwa der Althistoriker Kai Brodersen, meinen, ein realer Palastgarten Nebukadnezars sei in der griechischen Fantasie immer prächtiger geworden, bis ein Weltwunder daraus wurde.

Wie kam das Wasser nach oben?

Babylon liegt in einer regenarmen Ebene. Ein Garten auf vielen Metern Höhe brauchte also ständig Wasser aus dem Euphrat. Die antiken Texte nennen zwei Lösungen: verborgene Maschinen (Diodor) und Schrauben (Strabon). Moderne Rekonstruktionen denken an Schöpfräder mit Eimerketten, die Tiere oder Menschen bewegten.

Hier liegt ein Haken. Die Wasserschraube wird traditionell Archimedes zugeschrieben, der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebte, also lange nach Nebukadnezar. Für Skeptiker spricht die Schraube darum gegen eine frühe babylonische Anlage. Dalley dreht das Argument um: Sanheribs Inschriften zeigten, dass es eine solche Technik schon im 7. Jahrhundert v. Chr. gab. Gesichert ist keine der beiden Lesarten.

Nahaufnahme alter gebrannter Ziegel mit kleinen Pflanzen in den Fugen
Gebrannte Ziegel und Asphalt sollen laut Strabon und Diodor die Gärten getragen haben.

Die sieben Weltwunder der Antike im Vergleich

Die bekannte Siebener-Liste entstand in hellenistischer Zeit, unter anderem in einem Gedicht des Antipatros von Sidon. Nur ein Bauwerk daraus steht noch heute. Die Hängenden Gärten sind das einzige, dessen Ort nie sicher bestimmt wurde.

Weltwunder Ort (heute) Erhaltungszustand
Cheops-Pyramide Gizeh, Ägypten weitgehend erhalten, äußere Verkleidung fehlt
Hängende Gärten Babylon, Irak (umstritten) keine gesicherten Reste
Zeusstatue des Phidias Olympia, Griechenland verloren; Werkstatt des Phidias ausgegraben
Artemistempel Ephesos, Türkei Fundamente und eine wiederaufgerichtete Säule
Mausoleum von Halikarnassos Bodrum, Türkei Fundamentreste; Skulpturen im British Museum
Koloss von Rhodos Rhodos, Griechenland nichts erhalten, Standort unbekannt
Leuchtturm von Pharos Alexandria, Ägypten verschwunden; Steinblöcke im Hafenbecken gefunden

Babylon heute: Ruinenstadt und Welterbe

Die Ruinen liegen rund 80 Kilometer südlich von Bagdad, nahe der Stadt Hilla am Euphrat. Sichtbar sind vor allem Lehmziegelmauern, Palastfundamente und die Hügel der alten Stadtviertel. Das originale Ischtar-Tor steht nicht hier, sondern rekonstruiert im Berliner Pergamonmuseum; vor Ort gibt es eine Nachbildung.

Im Juli 2019 nahm das UNESCO-Welterbekomitee die Stätte auf, wie die Vereinten Nationen im Irak zur Welterbe-Ernennung Babylons meldeten. Der Irak hatte sich jahrzehntelang darum bemüht. Erschwert hatten es auch Eingriffe der jüngeren Vergangenheit: Unter Saddam Hussein wurden Teile des Palastes mit neuen Ziegeln wiederaufgebaut, nach 2003 nutzten Truppen das Gelände zeitweise als Militärlager. Ein großer Teil der Stadt ist noch gar nicht ausgegraben. Wer hier Hängende Gärten von Babylon erwartet, findet keine Terrassen, sondern Ziegelschutt und offene Fragen.

Häufig gestellte Fragen: Hängende Gärten von Babylon

Warum heißen die Gärten „hängend“?
Der Name geht auf das griechische Wort kremastos zurück, das eher „überhängend“ oder „erhöht“ bedeutet. Gemeint sind Pflanzen auf erhöhten Terrassen, deren Grün über die Mauerkanten herabfiel, nicht Gärten, die tatsächlich in der Luft hingen.
Was haben die Gärten mit Semiramis zu tun?
Im Deutschen heißen sie oft auch Hängende Gärten der Semiramis. Semiramis ist eine sagenhafte Königin der griechischen Überlieferung, die man mit der assyrischen Königin Schammuramat verbindet. Mit dem Bau hatte sie nach heutigem Wissen nichts zu tun, schon Diodor bestritt diese Zuschreibung.
Welche Pflanzen könnten dort gewachsen sein?
Belege gibt es keine, Forscher schließen aus Gartenlisten assyrischer Könige auf mögliche Arten. Genannt werden etwa Dattelpalmen, Feigen, Granatäpfel, Weinreben, Tamarisken sowie Zypressen und Wacholder.
Kann man Babylon heute besuchen?
Die Ruinenstätte bei Hilla ist grundsätzlich zugänglich, doch die Reiseempfehlungen für den Irak ändern sich häufig. Prüfen Sie vor einer Reise die aktuellen Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts.