Dienstag, 16. April 2024

Aleksandar Hemon: Das Lazarus-Projekt (Rezension)

Ein virtuos erzählter Roadtrip zu den eigenen Wurzeln
1908 wird in Chicago der junge osteuropäische Einwanderer Lazarus Averbuch, ein vermeintlicher Anarchist, vom Polizeipräsidenten aus nächster Nähe erschossen. Hundert Jahre später will der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Brik die Wahrheit über diesen angeblichen Anarchisten ans Licht bringen. Mit seinem Freund Rora macht er sich auf den Weg in die Heimat von Lazarus - ihre Reise wird zu einer Suche nach den eigenen Wurzeln. Eine lakonisch und höchst unterhaltsam erzählte Geschichte über politische Hysterie, Heimatlosigkeit und geplatzte Träume. Und die Geschichte einer Männerfreundschaft, die ihresgleichen sucht. 
Roadmovies haben mich schon immer fasziniert, egal ob es sich um Filme oder Bücher handelt. Der Held, der nicht immer ein Held ist, meist eigentlich eher nichts besonders, macht sich auf um von Punkt A nach Punkt B zu reisen (aus unterschiedlichen Gründen) und lernt dabei andere Menschen und sich selbst kennen. So sieht meist die Essenz eines Roadmovies aus. Und von diesem Gerüst gibt es viele Abweichungen, die jedes Roadmovie anders machen.
Auch DAS LAZARUS-PROJEKT wird als Roadmovie bezeichnet, und irgendwie ist es das, genauso wie es das nicht ist. Aber es ist ein Buch, das ich schwer beschreiben kann, das mich aber schnell in seinen Bann gezogen hat. Es ist ein Buch, das die Protagonisten und den Leser durch die Zeit reisen und mehr oder weniger seltsame Charaktere kennen lernen lässt. Brik wechselt von der Gegenwart in die Vergangenheit, verknüpft seine eigene Geschichte mit der von Lazarus. Sehr unterhaltsam erzählt glaubt man entweder einen historischen Krimi oder eine Familiengeschichte zu lesen, aber es wird nie langweilig, denn die Protagonisten und die Personen, denen sie begegnen (sei es in der Gegenwart oder anhand von Aufzeichnungen, Erzählungen ...) sorgen dafür, dass man gebannt Seite für Seite liest, nur um dann festzustellen dass man das Ende erreicht hat, obwohl man sich wünschen würde, dass es weiter geht.
Ich habe Briks Reise sehr genossen. Sprachlich ist es manchmal eine Herausforderung, auch was die Handlung anbelangt, aber ... man muss einfach weiter lesen.
 
DAS LAZARUS-PROJEKT ist jedoch kein neuer Roman. Er erschien bereits 2008 unter dem Titel «Lazarus», der in Deutschland auf der Shortlist des Internationalen Buchpreises 2009 stand und der 2011 den Premio Gregor von Rezzori erhielt.

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