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kantig oder windschnittig

und nochmal: PETER HANDKE - vielleicht zuguterletzt (???)

Glaubt ihr ernsthaft, ihr wärt die besseren Menschen?
Die Schriftstellerin Anne Weber über die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke und seine selbstgerechten Kritiker. Über verkleidete Erwachsene, eine Lektüre an der Schnellstraße und akute Anfälle der Rührung.

Von Anne Weber in der WELT


  • Anne Weber ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Zuletzt ist ihr Roman „Kirio“ bei S. Fischer erschienen, mit dem sie 2017 für den Leipziger Buchpreis nominiert war.

Es fängt an mit einer Hymne, und wegen des Wortes „anthem“ im englischsprachigen Live-Kommentar muss ich gleich an Leonard Cohen denken und an den Riss, der durch alles geht und durch welchen das Licht hineinfindet — in alles. In uns. Die eine oder andere Rede von Nobelpreisträgern hatte ich in der Vergangenheit live mitverfolgt, aber noch nie hatte ich mir die einige Tage später stattfindende Preisverleihung angesehen. War das nicht eine eher langweilige Angelegenheit mit endlosen Reden, zum Intermezzo sich eignenden Musikstücken und vielen ehrwürdig ergrauten Häuptern?

In der Tat. Ich bleibe trotzdem gebannt davor sitzen. Die Musik und das ganze Ambiente sind so gebieterisch, dass ich beim Eintritt der Royal Family fast von meinem Schreibtisch aufgestanden wäre. Erst kommen zwei Prinzessinnen zum Vorschein, türkisblau und pink, die mit ihren breiten Schärpen um den Leib wie verschiedene Jahrgänge von Miss Sweden wirken, in Begleitung eines Prinzen. Dann eine stark geliftete Königin mit ihrem königlichen Mann mitsamt Kronprinzessin und einem zweiten Prinzen.

Ein kleines Mozart-Einsprengsel — und jetzt ist es so weit, die Preisträger schlängeln sich aus den Kulissen, ein kleiner Zug von Leuten, die aussehen, als hätte man sie gerade aus ihrem Labor in Boston, aus ihrer Bürohöhle in Harvard oder aus dem finsteren (nein: lichten!) Wald gezerrt und verkleidet und zurechtgebürstet, um sie dem Königspaar vorzuführen.

Die einzigen, die nicht kostümiert wirken, sind diejenigen, die in einer traditionellen Landestracht erscheinen. Alle aber sind mit einem richtigen Gesicht ausgestattet, jedes einzelne von ihnen möchte man länger betrachten — einer, ich glaube, ein Wirtschaftswissenschaftler, ist so intelligent, dass er wie ein rechter Simpel ausschaut —, aber die Kamera wird ihrer sehr schnell überdrüssig und wischt weiter zum Publikum, an den Frauen wischt sie gerne von oben nach unten entlang, um eine Weile auf dem glitzernden Dekolleté und den sorgfältig manikürten Händen, die das Programmheft halten, verharren zu können.

Für mich ist das feierliche Hereintreten dieser etwas ungläubig blickenden Gestalten der Moment, wo ich derart stark zwischen Lachen und Rührung schwanke, dass der Riss in mir sich gefährlich vergrößert und ich schon ganz geblendet bin von dem vielen Licht, das da einfallen will in mich; außerdem ertaube ich offenbar, jedenfalls bekomme ich von den vielen Reden, die noch folgen, nicht mehr viel mit. Ist es nicht absurd, sich bei einer solchen offiziellen Begebenheit von Emotionen übermannen zu lassen, und das auch noch bei einem derartigen Männerüberschuss auf der Bühne? Gut, ich merke, dass Olga Tokarczuk ebenfalls nass glänzende Augen hat, aber sie hat wenigstens gute Gründe dafür.

Bei mir ist es diese Spannung zwischen dem fou rire, der ausbrechen will — denn es ist schon urkomisch, wenn erwachsene Leute mit der größten Ernsthaftigkeit König und Königin, Prinz und Prinzessin spielen und mit „Ihre Majestät“ angeredet werden wollen und sich zu diesem Zweck eigens Gewänder aus den wertvollsten Stoffen schneidern lassen, und alle spielen mit —, zwischen dem Lachen also, das ausbrechen will, und den Tränen, die ebenfalls einen Ausweg suchen.

Ich sehe eine erwachsene, fein lächelnde Olga Tokarczuk vorangehen, und hinter ihr sehe ich einen Kärntner Buben über eine Streuobstwiese laufen, auf seine Mutter zu, mit den „an der Kochwäsche verbrühten, dann an der Wäscheleine rotgefrorenen Händen“, ich sehe den Vater des Buben, den deutschen Sparkassenangestellten Herrn Schönemann, und den versoffenen Stiefvater, ich sehe den „Leuchtkreis der Lampe auf dem Tisch“ und ich sehe mich, wie ich — wann war das bloß? — an einer Schnellstraße stehe, ein offenes Buch in der Hand, und darin lese von einem „Wunsch, der erwacht angesichts jenes einen Tautropfens in der Sonne, der, im Unterschied zu der Myriade der glasklaren durchsichtigen weißblitzenden, aus dem Tautropfenfeld herausstach als eine Bronzekugel, nicht blinkend und blitzend, sondern leuchtend, schimmernd, strahlend; kein bloßes Glitzerpünktchen, sondern eine Sphäre, eine Wölbung, einen auffordernd zum Entdecken; keines unbekannten Planeten, sondern des altbekannten, der Erde hier, einen herausfordernd zu einem immerwährenden täglichen Entdecken, das zu nichts führte, zu keiner Auswertbarkeit, es sei denn zu einem Offenhalten — Entdecken als ein Offenhalten?“.

Ich stehe an der Schnellstraße und lese und lese und die von links und rechts kommenden Autos fauchen kurz auf, wenn sie an mir vorbeirasen, und legen ihren Fauchrhythmus unter den Rhythmus der Buchsätze, und jetzt erscheint da wieder der Junge vor mir auf dem Bildschirm, er bewegt sich vorwärts, aber das Schreiten will ihm nicht gelingen, eher schlurft er ein bisschen und schaut grimmig und stumm über den dicken Tränenbeuteln hervor, er sieht müde aus, das Haar ist schütter geworden, und ich denke, wisst ihr was, ihr da draußen, die ihr unterscheiden wollt zwischen Mensch und Werk oder die ihr das Werk beiseite nehmt und auch ohne seinen Autor zum Kotzen findet, ihr, die ihr Leser sein wollt und mit nichts als Herablassung oder gar Hass auf diesen Dichtermenschen blickt, der so viele zum Lesen und zu neuem Atmen gebracht hat, der viel umhergeirrt ist und sich mit Lust ver- und geirrt hat, der, bei allem Düsteren, das in der Welt und in ihm selbst zu Hause ist, immer eine Bewegung zum Helleren hin suchte; ihr also, die ihr euch empört und Bescheid wisst und von früh bis spät auf der richtigen Seite seid und anklagt, nur euch selber nie — glaubt ihr ernsthaft, ihr wärt die besseren Menschen? Ich fürchte, ja.


Inzwischen ist die Zeremonie fortgeschritten, ein würdiger, schöner Greis ist im Rollstuhl an den König herangeschoben worden und hat den Nobelpreis für Chemie in Empfang genommen, einer der weniger alten Nobelpreisträger konnte ein Gähnen nicht unterdrücken, Olga Tokarczuk hat — auch von mir — großen Applaus bekommen, und jetzt tritt also Peter Handke nach vorne, als Einziger der männlichen Nobelpreisträger hat er nicht an seiner weißen Weste gezupft, nachdem er aufgestanden ist, weshalb er nun eine gesteifte weiße Welle auf dem Bauch trägt, und genau in dem Augenblick, als er seine Urkunde oder Medaille oder was auch immer in Empfang nimmt, springt mir Gaston auf den Schoß, die Katze der Nachbarin aus dem 4. Stock, die für ein paar Tage hier wohnt und mich behütet vor einem neuen peinlichen Rührungsanfall.

„Es wird wie bei den Pinguinen in der Antarktis sein, die sich dann ins Meer stürzen“, hat Handke neulich zu Ulrich Greiner in der „Zeit“ gesagt. Ich aber sage oder vielmehr lese: „Er stellt sich vor, wie er fiele und wie der Aufprall durch die Bleistiftspiralen, die sich mit der Zeit und den Jahren dort unten abgelagert hatten, abgemildert würde.“





nun hat er ihn endlich - den nobelpreis: und wie immer bei allen "ausgezeichneten" menschen, gibt es gratulanten und neider, und wohlwollende zeitgenossen und hasser.

okay - handke macht es seiner umwelt nicht allzu leicht - und er ist kein sonnyboy, der sich anbiedert und einschmeichelt.


handke - nach einer photo|graphic-bearbeitung von mir




und so schreibt er ja auch seine bücher nicht auf "publikumsgeschmack" - sondern jedes seiner werke ist ein "einzel-kunstwerk", dass die leser jeweils mögen oder ablehnen - und dass die kritik goutiert oder eben durchfallen lässt.

handke stellt sich da dem souverän publikum - wohl eher dem fachpublikum - und er fordert für seinen schreibstil höchste aufmerksamkeit, auch wenn es um ganz alltägliche einfache kleine randerlebnisse geht.

da geht er überraschend und kompliziert den farbnuancen eines winzigen tautropfens auf den grund (s.o.) und macht das allerdings stilistisch gewohnt brillant - eben tatsächlich "nobel". aber - ich sagte das schon andernorts - einen windschnittigen literatur-nobelpreisträger kann es eben gar nicht geben, denn preiswürdige schriftsteller sind wahrscheinlich immer "typen" mit ecken & kanten & unausrechenbaren überraschungen.

und auch all die aufgeregtheiten zu seinen serbien-einlassungen vor einigen jahren gehören für ihn inmitten hinein in sein literarisches gesamtwerk - und darin ist er so selbstverliebt, dass er natürlich nicht eine zeile davon zurücknehmen oder schwärzen wollte.

aber so etwas wäre ja auch die verfälschung seines soseins und nicht mehr das manchmal auch bizarre und wütende und dröhnende original, mit dem er sich seinen namen gemacht hat und wie wir ihn alle seit jahrzehnten kennen - und nicht erst neuerdings, nachdem ihm das findungskomitee den preis zuerkannt hat.

und bisher strolchte handke ja etwas abgeschieden vom mainstream durch seine streuobstwiesen, abgeschieden von dieser lauten welt - so dass er jetzt einen reporter fragen musste: "was ist eigentlich ein shit-storm?" - und der nur ein altes seniorenhandy hat mit großen knöpfen und einfacher bedienung, weil ihn so etwas digitales wohl weniger interessiert - und erst recht nicht fasziniert. aber diese frage nach dem "shit-storm" war ja vielleicht auch nur ein slapstick... - denn er konnte ja sehr wohl der weltpresse eine anonyme zuschrift mit einem mit scheiße kalligraphierten stück toilettenpapier in ausreichendem englisch beschreiben, die ihm postalisch zugestellt worden war.

ich weiß, vielleicht tue ich der olga tokarczuk in meinem gewissen unrecht, dass ich sie auch jetzt wieder hinter peter handke nur noch als marginale hier in meinem "abschluss-kommunique" platziere - pardon. 
wenn ich in polen mitglied der "pis"-partei wäre, stünde sie hier bestimmt in der ersten reihe...

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